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Interview mit Dr. Karsten Brensing: Delfintherapie ist sinnlos

Dr. Karsten Brensing (Foto: U. Tittelbach-Helmrich)

Bevor wir konkret in das Thema Delfintherapie einsteigen. Möchte ich einmal zum allgemeinen Verständnis klären, was überhaupt das Kernelement einer tiergestützten Therapie ist?

Das wichtigste Element ist die Interaktion zwischen Patient und Tier. Die kann verschiedene Funktionen haben, meist aber geht es darum, dass die Kinder mit und durch das Tier an Vertrauen und Körperlichkeit herangeführt werden. Dafür müssen sie ganz konkret, eins zu eins erfahren, was an Interaktion funktioniert und was nicht. Viele der kleinen Patienten haben umfangreiche Erfahrungen mit Ärzten und Therapeuten. Aber immer sind es Menschen, und gerade Erwachsene sind für ein Kind nicht immer berechenbar. Sie sind Autoritätspersonen, die auch mit Macht verbunden werden. Solche oder ähnliche Muster versucht man mit der tiergestützten Therapie aufzubrechen. Es ist zwar immer ein Therapeut oder Trainer dabei und kann eingreifen, wenn was passiert, aber im Prinzip basiert die Interaktion auf einem nonverbalen, aber direkten Dialog zwischen Patient und Therapietier. Bei einer Delfintherapie ist dies aber gar nicht oder nur in den seltensten Fällen gegeben. 


Was bringt also eine Delfintherapie?

Gar nichts. Wenn man sich das normale Setting bei einer Delfintherapie ansieht, erkennt man, dass der Trainer und der Therapeut immer zusammenarbeiten. Letzterer kümmert sich ums Kind, Ersterer um den Delfin. Jede Interaktion zwischen dem Patient und dem Delfin wird mit einem Pfiff belohnt, der dem Tier signalisiert, dass es jetzt zur Belohnung Futter gibt. Das ist das antrainierte Verhalten, das man auch bei Shows in Delfinarien sieht. Das führt dazu, dass die einzige Person, mit welcher der Delfin agiert, der Trainer, nicht aber der Patient ist. Das Kind kann also im Grunde genommen machen, was es will, der Delfin macht trotzdem nur das, was der Trainer ihm sagt. Die Interaktion ist bei der Delfintherapie also gar nicht gegeben. 



Warum ist die Delfintherapie dennoch so populär?

Ich glaube, dass sie an etwas partizipiert, was in den Köpfen der Eltern vor sich geht. Das hat weniger was mit den Kindern zu tun. Die Familien, über die in den Medien berichtet wird, sind ja meist diejenigen, für die gespendet wurde, und sie hoffen mit ihrem Auftritt im Fernsehen auch weitere Spenden generieren zu können. Sie sind also per se schonmal an einer Berichterstattung über den Erfolg der Delfintherapie interessiert. Und natürlich betonen sie dann, wie gut sie funktioniert hat. Für die Kinder bedeutet es, dass sie mal für ein paar Wochen mit ihren Eltern eng zusammen im Urlaub sind. Und dann auch noch in einem Setting, das sie noch nie erlebt haben. Und das ist für sie natürlich ein schönes Erlebnis. 



Es ist also eher die Umgebung, die einen positiven Effekt hat?


Ja. Die Eltern sind entspannt, das Kind steht im Mittelpunkt und bekommt eine Rundum-Betreuung. Das hat natürlich einen tollen Effekt. Da habe ich selbst auch tolle Sachen erlebt. Das war ein Junge, zehn oder elf Jahre alt, der hatte zum ersten Mal in seinem Leben die Kraft, sich an etwas selbst festzuhalten, nämlich an der Rückenflosse des Delfins. Der kam so begeistert aus dem Wasser heraus, dass mir fast die Tränen kamen. Und das ist natürlich ein beeindruckendes Erlebnis. Solche Sachen werden dann gern von den Medien aufgegriffen, die den Delfin dafür verantwortlich machen. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass das stimmt, ist minimal. Ich glaube, dass in erster Linie die Umgebung dafür verantwortlich ist, und in diesem Fall auch das Wasser, denn natürlich hat der Junge im Wasser Auftrieb und weniger Gewicht als an Land. 



Und die Eltern glauben an Heilung.

Da geht dann das Kopfkino an. Sie sind durch die Medien, aber auch durch unsere Kultur beeinflusst. Dazu kommen Berichte über solitäre Delfine, die die Nähe zu uns Menschen suchen. Das gibt es tatsächlich auch, und jeder, der es erleben darf, freut sich. Aber es ist grundfalsch, von solchen Einzelfällen auf Delfine im Allgemeinen zu schließen. 


Dr. Karsten Brensing mit seinem Hund. (Foto: M. Schlösser)

Werden diese Tiere denn ausschließlich für die Delfintherapie gehalten?

Nein. Sie werden in den meisten Fällen auch in Schwimmprogrammen eingesetzt. Heißt: Jeder zahlende Gast kann mit den Tieren ins Wasser gehen, sie anfassen und mit ihnen schwimmen. 



Was bedeutet das für die Delfine?


Dafür muss man nur überlegen, wie der normale Alltag des Tieres in Freiheit im Vergleich zu dem in Gefangenschaft aussieht. Das eine hat nichts mehr mit dem anderen zu tun. Die Gruppenzusammenstellung, wie sie in Delfinarien normal ist, würde es in der freien Natur niemals geben. In Delfinarien wird das klassische Mutter-Vater-Kind-Modell gezeigt, meist mit mehreren Weibchen, doch so etwas gibt es in der Natur gar nicht. Da sind je nach aktueller Lebensphase ganz unterschiedliche Familienkonstellationen die Norm. Die Männchen sind untereinander extrem eng verbandelt, die Weibchen tun sich meist mit anderen Weibchen zusammen. Diese Sozialverbände gibt es in Delfinarien nicht. Und das ist mein Hauptkritikpunkt an der Haltung der Tiere in Gefangenschaft. 



Dem Problem versucht man durch Medikamente beizukommen.

Ja, durch eine gerichtlich erzwungene Akten- einsicht im Nürnberger Delfinarium konnte gezeigt werden, dass jungen Männchen weibliche Hormone verabreicht wurden, damit sie sich nicht männlich verhalten. Wenn es dennoch zu Agressionen kommt, werden Psychopharmaka gegeben.


Wie sieht es mit der Haltung der Tiere aus? 


Das ist ein weiterer Punkt, weshalb ich dagegen bin. Das fängt mit der Fütterung an: Wenn Delfine gefangen werden, müssen sie erst über mehrere Tage an das Fressen toter Fische gewöhnt werden. Also werden sie mehr oder weniger mit Gewalt festgehalten und der tote Fisch wird ihnen reingepresst, bis sie irgendwann verstehen, dass man auch toten Fisch essen kann. Dann müssen sie lernen, durch Tore zu schwimmen. Auch das würden sie in freier Wildbahn niemals machen. Delfine sind dreidimensionale Lebewesen und begeben sich extrem ungern an Kanten, Ecken und Mauern. Deshalb ist auch das esoterische Bild vom Delfin, der durch ein Korallenriff schwimmt, völliger Unsinn. Es gibt einige Ausnahmen, aber da haben die Delfine gelernt, diese natürliche Angst zu überwinden, etwa, um besser jagen zu können. 



Auch Verletzungen sollen den Patienten schon zugefügt worden sein.

Grundsätzlich ist die tiergestützte Therapie immer mit Risiken verbunden. Es gibt einen weltweiten Dachverband für Therapeuten, die tiergestützt arbeiten, und die nehmen nur Therapeuten auf, die mit domestizierten Tieren arbeiten. Jemand, der mit Delfintherapien durchführt, kommt also gar nicht erst in den Verband. Delfine sind wildgefangene Tiere, die uns nicht als Sozialpartner ansehen. Außerdem kann man bei domestizierten Tieren aus dem Spektrum der Tiere diejenigen auswählen, die von ihren Charaktereigenschaften her am besten für die Therapie geeignet sind. Bei Delfinen, also einer Delfintherapie, hat man diese Wahl nicht.


Das Interview führte Stefanie Ann Will.

Zur Person

Dr. Karsten Brensing ist Meeresbiologe und promovierter Verhaltensforscher. Er hat mehrere Bücher geschrieben und war wissenschaftlicher Leiter des Deutschlandbüros der internationalen Wal- und Delfinschutzorganisation WDC. Er hat die Individual Rights Initiative (IRI) gegründet, die sich für die Persönlichkeitsrechte der Tiere einsetzt, um ihren Schutz verbessern zu können.